Der zweite Webmontag in Darmstadt hat den Titel „Leben im Neuland – die digitale Stadt“. Wie sähe für dich das optimale Neuland aus?

Städte müssen nicht „smart“ sein, um lebenswert zu sein: Sie können dynamisch und manchmal auch chaotisch sein, aber sie müssen flexibel agieren können. Wichtig ist meiner Meinung nach vor allem die Möglichkeit der Interaktion, des Austausches und Bewegungsräume zu schaffen. Ein offener und transparenter Umgang über Interessen, die Verwendung von Daten und die Beteiligung der Bürger in Entscheidungsprozesse ist essentiell. Überwachte Städte müssen wir unbedingt vermeiden!  Die Technologie muss auf die Bedürfnisse der Bürger reagieren, nicht andersrum. Wir müssen eine digitale Kluft vermeiden – Bürger, die sich digital nicht beteiligen wollen, dürfen nicht ausgegrenzt werden.

Smart City – klingt erstmal gut. Worin siehst du die größte Gefahr der digitalen Städte von morgen?

Hinter digitalen Städten von morgen verbirgt sich meist ein sehr technokratisches top-down-Konzept und dahinter starke wirtschaftliche Interessen. Das bedeutet eine starke Dominanz von großen Tech-Konzernen, die „Probleme“ und „Lösungen“ vorschreiben sowie intransparente Verträge und Deals zwischen öffentlichem und Privatsektor. Durch zentralisierte und geschlossene technischer Systeme, basierend auf langfristigen Rahmenverträgen, bleibt zudem wenig Spielraum für die Einbindung von Start-ups oder innovativer Lösungen aus der Zivilgesellschaft. Oft agieren Regierungsmitarbeiter hier leider nicht als „smarte“ Kunden, die die Kompetenzen haben, um zu erkennen, ob eine bestimmte Technologie wirklich sinnvolle Antworten auf die Herausforderungen einer Stadt gibt , oder aber von Bürgern gebraucht wird.

Wie sieht so eine Gefahr konkret im Alltag aus?

Diese technologischen Ansätze erleichtern eine potenzielle Überwachung und Kontrolle der Bürger. In Singapur etwa wird zunehmend die ganze Stadt mit Sensorik und Kameras ausgestattet.Wenn alles vernetzt ist, verraten mir die Energiedaten, wann jemand eine Dusche nimmt, die Sensorik- oder GPS-Daten, wie oft jemand in eine Bar fährt. So kann ich ganze Profile von Bürgern anlegen und “Fehlverhalten” sofort identifizieren oder sogar sanktionieren. Dies kann sowohl von der eigenen Regierung als auch von Hackern, die die IT-System angreifen und Zugriff auf die Daten bekommen, missbraucht werden. Die Überwachung von Profilen kann aber auch andere wesentlich subtilere Nachteile haben; etwa wenn mein “Datenprofil” an meine Versicherungen weitergegeben wird, und diese so wissen, wie viele Abende ich in einer Raucherbar verbinge und mir daraufhin den Versicherungstarif erhöhen. Dieser Datenaustausch und die Datennutzung zur Profilbildung passiert in vielen Ländern aktuell leider noch in einer regulativen Grauzone.

Um Gefahren zu vermeiden: Wo siehst du die Verantwortung beim Bürger? Und wo bei der Regierung?

Es braucht unbedingt mehr Transparenz. In Bezug auf Verträge und Abmachungen zwischen unterschiedlichen Akteuren, aber auch über Algorithmen, Datenquellen, Datenverwendung und Data Ownership. Bei der Entscheidung für (oder gegen) Smart-City-Lösungen sollten wir mehr Partizipation und Einbindung von Bürgern und unabhängigen Experten einfordern
Deswegen: Werdet selber aktiv, fordert offene Strukturen und Mitbestimmung.

Worin liegen auf der anderen Seite Chancen oder positive Aspekte?

Digitale Städte bieten wichtige Antworten auf Fragen zu mehr Nachhaltigkeit. Beispielsweise durch intelligente Verkehrsführung oder die Stromverteilung zur Bewältigung der Energiewende. Die Möglichkeiten einer „responsive“, einer reagierenden, Stadt besteht darin, auf Wünsche und Bedürfnisse der Bürger einzugehen. Es entstehen neue Möglichkeiten für Interaktion und Organisation von Bürgerinteressen – idealerweise online und offline.

Die stiftung neue verantwortung findet ihr auf Facebook und Twitter.