Manche Menschen sind in der Lage, mit Wörtern Gefühle zu bedienen – das kann gefährlich werden. Dagegen hilft nur Aufklärung, denn die Rhetorik der Populisten ist allgegenwärtig. Martin Haase spricht im Interview über die Macht der Sprache.

Martin, wie erlangt man Macht?

Das kommt ganz auf die Definition von Macht an und über welche Art von Macht wir sprechen. Politische Macht zum Beispiel erlangen Politiker durch den Legitimationsprozess von Wahlen. Individuelle Macht von Menschen – oft sind das Politiker – entsteht häufig durch Rhetorik. Dieser Aspekt spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, dass Menschen Einfluss auf andere Menschen haben. Beim Verwenden beziehungsweise bewussten Einsatz von Sprache, spielen neben der Rhetorik aber auch noch andere Mittel eine Rolle: Gestik, Mimik, allgemein Körpersprache, aber auch das Vermögen eine gewisse Atmosphäre entstehen zu lassen – das sind alles Mittel, die Rhetorik unmittelbar untermalen. Wenn wir das Erlangen von Macht so betrachten, sprechen wir schon von einer psychischen Einflussnahme.

Was ist das Problem von Macht?

Probleme entstehen dann, wenn Menschen es womöglich nicht merken, dass sie gerade beeinflusst werden – in die eine, wie die andere Richtung. Das eloquente Auftreten einer charismatischen Person kann schnell dazu führen, dass Menschen dazu angeleitet werden etwas zu tun oder ihre Meinung über einen Sachverhalt zu ändern, ohne dass sie es bewusst wahrnehmen. Dann ist ganz klar der Punkt erreicht, dass wir von einer Einschränkung der Freiheit sprechen – und das ist immer ein Problem! Solche Arten von Übergriffe müssen beschränkt werden. Aufklärung ist deshalb besonders wichtig, damit niemand gewissen Strategien auf den Leim geht. Durch Populisten ist das heute präsenter denn je. Wir sind dazu verpflichtet Strategien zu entwickeln, diese Art von Macht einzuschränken und damit den Politsprech von Populisten zu entlarven.

Was macht die Macht von Sprache aus?

Häufig bedienen sich Menschen, die eine spezielle Rhetorik an den Tag legen, an unklaren Begriffen. Sie verwenden Wörter, die für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Bedeutungen haben – und das ganz bewusst. Man könnte auch so weit gehen, zu sagen, dass Politiker gezielt eine Sprache verwenden, um ihre wahre Botschaft zu vernebeln. So werden dann etwa in politischen Reden Aussagen getroffen, denen Zuhörer erstmal zustimmen. Wenn die Zuhörer das Gesagte jedoch hinterfragen würden, würden sie feststellen, dass sie der eigentlichen Aussage gar nicht zustimmen möchten.

Kannst du mir ein Beispiel für so einen populistischen Sprachgebrauch geben?

Ja, klar. Das Wort Demokratie zum Beispiel: Die typischen Merkmale einer modernen Demokratie sind neben freien Wahlen, dem Mehrheitsprinzip, der Gewaltenteilung, der Akzeptanz einer Opposition, den Grundrechten, der Pressefreiheit und noch einigen anderen vor allem – und das ist wichtig – der Minderheitenschutz. Das bedeutet, der Staat schütz Minderheiten vor Diskriminierung. Dieser Aspekt ist entscheidend, denn im rechtspopulistischen Sinne wird Demokratie als Recht der Mehrheit betrachtet. Diese Definition beinhaltet aber eben nicht die Begriffsbedeutung im verfassungsrechtlichen und völkerrechtlichen Sinn. Der impliziert nämlich die Freiheit und Gleichheit von Minderheiten und eben ihren Schutz. An diesem Beispiel wird deutlich: dasselbe Wort wird mit unterschiedlicher Bedeutung verwendet.

Was kann man gegen Machtmissbrauch dieser Art machen?

Aufklären! Für die bestehende Problematik sensibilisieren. Immer wieder sich selbst und die Menschen im eigenen Umfeld dazu ermutigen, Aussagen, das geschriebene und vor allem das gesprochene Wort kritisch zu hinterfragen. Auch unsere Diskussionskultur ist dabei ein wichtiger Aspekt: Eine lebhafte Demokratie lebt davon, dass wir uns kritisch mit Inhalten auseinandersetzen. Außerdem sollten wir uns nicht so leicht durch Gefühle leiten lassen. Und natürlich informieren, auch mal einen langen Zeitungsartikel lesen und nicht immer nur kurze Texte, die sich einem emotionalen Sprachgebrauch bedienen. Das Wichtigste aber ist: Bleibt kritisch!